Der Fährtenleger

Ludwig Hauser stellt in der Harderbastei in Ingolstadt aus und lädt zur Spurensuche ein

Ingolstadt - Nach einem Besuch der neuen Ausstellung von Ludwig Hauser in der Harderbastei in Ingolstadt fallen sie einem irgendwie überall auf.

Die Asphaltmalereien, wie der Künstler ausgebesserte Risse, Striche auf den Straßen schlicht nennt, die er in Eyecatcher verwandelt, zu Kunst adelt. In der grauen (Straßen-)Wirklichkeit sind sie freilich nicht so schillernd wie auf den großformatigen Digitaldrucken auf changierendem Blech in der umfassenden Schau im Rahmen der "Kunststücke". Denn Hauser, der die ersten dieser Spuren schon vor 30 Jahren auf seinen Fahrten mit Steinen und Skulpturen zwischen Rosenheim und Ingolstadt entdeckte, hat die Fotografien der Linien bearbeitet. Hat sie teils eingefärbt, teils neu kombiniert. Und so erinnern sie in ihrer grafischen Klarheit an kostbare Ornamentik etruskischer Malereien, an Schmuckbänder oder an Höhlenmalerei. Oder erzählen - um die Ecke gedacht - aus dem Leben des "Lastwagenfahrers und Landschaftsmalers", wie sich Hauser selbst mit feiner Ironie auf der Einladungskarte zur Ausstellung nennt.

Überhaupt schult der in Rosenheim geborene Künstler, der seit 30 Jahren in Ingolstadt lebt und den Kunstpreis 2012 der Stadt Ingolstadt erhalten hat, mit Skulpturen, Objekten und Bildern den Blick des Betrachters, fordert und fördert diesen, stellt visuelle Fallen, verwirrt, irritiert, spielt mit der Wahrnehmung.

Wenn etwa brüchige Steinskulpturen wie Holzfundstücke scheinen, wenn seine Serie "Reflexionen", Digitaldrucke von bearbeiteten Fotografien auf teils blinden Spiegeln, unterschiedliche Perspektiven und Sichtweisen zulassen und ermöglichen. Wie bei vielen seiner Werke in der Stadtlandschaft Ingolstadts - etwa der Vitrine am Viktualienmarkt, dem Schuttersteg am Glacis, dem Fleißerstein am Donauufer, den Schiffen hinter dem Wasserwirtschaftsamt, der Lichtsäule an der Herschelstraße oder bei seinem groß angelegten Kunstprojekt "Lichtsteine" für das Stadtjubiläum 2006 - schafft Hauser, der von 1995 bis 1998 Vorsitzender des Berufsverbandes Bildender Künstler Ingolstadt und Oberbayern Nord war, in seiner ersten Einzelausstellung vielfältige Bezüge. Topographische, landschaftliche, historische, soziologische. Nicht immer erschließen sie sich dem Betrachter auf den ersten Blick, manchmal entgehen sie ihm auch, weil die konkreten Hinweise fehlen und es Hauser explizit nicht darum geht, dem Besucher sein eigenes Ansinnen, seine Gedanken zu offenbaren, sondern er viel lieber Fährten legt und die Freiheit der Interpretation zulässt.

Das ist ein künstlerisch vertretbarer und nachvollziehbarer Ansatz. Dennoch auch bedauerlich, denn so faszinierend, hintersinnig und über sich hinausweisend die Werke, so spannend sind auch deren (Entstehungs-)Geschichten. Etwa die Spiegelarbeit "Holy Dust". Ein Sandsturm? Ein Nebelbild mit schemenhaften Figuren? Ein Foto von der Dachterrasse des Mailänder Doms. Oder drei verhuschte Lichtspuren auf einem schwarzen Spiegel: Sichtschlitze einer Bretterwand im ehemaligen Krankenhaus in Ingolstadt. Oder aber die verblüffenden Bäckerbretter, die Hauser 1996 auf einem Container vor einer sanierungsbedürftigen Bäckerei in Eichstätt entdeckt und gerettet hat. Jahrzehnte später hat er die Zeugen einer längst vergangenen Zeit nun bearbeitet. Die Spuren der Semmeln seien auf dem mehligen Leinen zu sehen, sagt er, andere hat er bemalt, andere Rahmen wiederum in ihrer Ursprünglichkeit bewahrt.

Es geht Hauser um Querverbindungen, um Fragen nach Verortung, nach großen Zusammenhängen. Aus unterschiedlichen Steinen etwa -- Basalt, Wachenzeller Dolomit, Römischer Travertin der Donaukalk - hat er Behältnisse gearbeitet. Tankkanister, Plastikwasserflaschen. Banale Alltagsgegenstände künstlerisch und handwerklich aufgewertet. Früher waren es die Amphoren, die wir heutzutage in Museen bewundern. Was passiert mit unserem Firmenvokabular, mit unserem Plastikmüll? Zivilisationskritik soll es nicht sein, aber Bewusststeinsschulung durchaus.

Wie groß Hausers Respekt vor dem Material und dessen Ursprung und Bedeutung - seien es die Steine, seien es aber auch die Motive und ihre Geschichte - ist, wird auch im hinteren Ausstellungsraum deutlich. Ein aus Donaukalkstein gearbeiteter, tonnenschwerer Frauenkopf mit geöffnetem Mund liegt auf dem Boden. Wer genau hinsieht, erkennt in der Öffnung eine Muschel. Keinesfalls von Hauser gebohrt oder gehauen, der Einschluss ist ein Zufallsfund, ein Glücksfall für den Künstler während des Arbeitsprozesses.

Und als ob es nicht schon genug wäre mit dem Querdenken, gibt es da noch den kryptischen Titel der Schau: "Kapitel, Kapitell 20_20 oder echt, zum Kotzen". Kapitel? Vielleicht abgeschlossen, ein neues. Kapitell? Vielleicht im weitesten Sinne Bezugnahme auf die Architektur der Harderbastei, 20_20? Zäsur, Fortsetzung. Und was hat es mit dem "echt zum Kotzen" auf sich? Hauser grinst verschmitzt und meint damit nicht das Unwohlsein nach 14 gekippten Wodkas. Er verweist auf den großen Frauenkopf mit der Muschel. Die Ausstellung endet mit einem Muschelsuppenessen. Auf Italienisch: Zuppa di Cozze.

"Kapitel, Kapitell 20_20 oder echt, zum Kotzen", bis 2. Februar in der Harderbastei Ingolstadt, Do 11 bis 18, Fr 16 bis 20, Sa und So von 11 bis 20 Uhr. Am 26. Januar von 14 bis 16 Uhr gibt es ein Künstlergespräch, am Sonntag, 2. Februar, um 18 Uhr die Finissage mit Muschelsuppe (Zuppa di cozze).

Katrin Fehr

Quelle: Donaukurier Foto: Weinretter

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